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Es klingelte an der Tür - Joe. Der klingelte öfters mal, mal aus diesem, mal
aus jenem Grund. Er wohnte gleich ein paar Häuser weiter, ein paar Schritte
nur. Manchmal brauchte er ein bisschen Geld oder etwas zu essen - na ja, er
war ziemlich jung und nicht ganz einfach zu nehmen. Aber diese Geschichte
dreht sich gar nicht um Joe - sie dreht sich um das, was in dem großen
Pappkarton war, den er unter dem Arm hatte.
"Hey, du bist doch gut zu Vögeln!" Das war ja nun der originellste Witz, den
ich seit langem gehört hatte. Aber so war Joe eben. "Ich hab' da was
gefunden!" - "Ach ja?" Ich war ein wenig misstrauisch. Wir gingen in die Küche
und ließen uns am Tisch nieder. Ich an der einen Seite des Tisches, er an der
anderen, und in der Mitte ein Pappkarton. Ein bisschen gespannt war ich ja
doch. Was war da drin? Was konnte er gefunden haben, was etwas mit 'Vögeln'
oder auch 'vögeln' zu tun hatte? Hatte er nachts irgendwo in einem Vorgarten
ein reetgedecktes Vogelhäuschen abgeschraubt? Oder auf dem Sperrmüll eine
ausgeleierte, undichte Gummipuppe gefunden?
"Mach's nicht so spannend, Joe." Er machte es ganz gewaltig spannend! Langsam
und feierlich begann er, die vier Seiten des Deckels hochzuklappen, unterbrach
dann aber doch erst einmal und fragte, ob ich eventuell ein Glas Cola für ihn
habe. Hatte ich, klar. Dann saßen wir wieder, und er begann von neuem, den
Deckel aufzumachen. Ich musste aufstehen, um in den Karton hineinsehen zu
können: Eine tote Taube.
"So, du hast eine tote Taube gefunden. Sollen wir die jetzt grillen oder was?"
- Quatsch, die ist nicht tot! Die ist nur bewusstlos!" - "Ach ja, und woher
willst du das wissen?" - "Ich habe ihre Herztöne abgehört, mit dem Mikro von
meinem PC." Mir fiel nicht mehr viel ein.
Ich will nicht ungerecht sein: Es gibt durchaus Tiere, die mir noch
unsympathischer als Tauben sind. Da wären Skorpione zu nennen, Blutegel,
Piranhas und Bettwanzen. Die Abstufung ist aber rein theoretischer Natur:
Diese Tiere sind weit weg, ich kenne sie nicht persönlich, ich habe nichts mit
ihnen zu schaffen. Die Taube lag allerdings ganz konkret in einem Karton auf
meinem Küchentisch. Und sie war warm - sie lebte also wohl doch noch.
Ich habe ja so ein gutes Herz. Und meine Fähigkeit 'Nein' zu sagen ist genauso
schwach ausgeprägt wie meine Blase. Ich holte einen alten Papageienkäfig aus
dem Keller. Etwas Katzenstreu auf den Boden, etwas anderes hatte ich nicht,
ein Schälchen Wasser, eine Untertasse mit ein paar Sachen, die ich für
geeignet hielt: Haferflocken, Weißbrot, etwas Grünzeug. Den Kafig stellte ich
in der Nähe der Heizung auf.
Als Joe wieder weg war, hob die Taube den Kopf. Tatsächlich, sie lebte. Aber
der Kopf sank gleich wieder nach unten, und ich sank ins Bett. Am nächstem
Morgen schaute ich gleich nach: Die Taube war offensichtlich geschwächt, aber
schon wieder auf den Beinen. Sie hatte ein bisschen gefressen, oder es
zumindest versucht. Das Futter war über den ganzen Käfigboden verstreut. Und
geschissen hatte sie: Einen Riesenplacken, mit dem das Katzenstreu auch nicht
fertig wurde. Ich machte erstmal den Käfig sauber.
Gegen Abend saß die Taube auf der Stange und blickte recht zuversichtlich in
die Gegend. Ich taufte sie Eduard - sie sah einfach danach aus. Keine Ahnung,
ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelte - das war mir auch
ziemlich egal. Nach einer weiteren Nacht schien Eduard schon wieder recht fit
zu sein: Er fraß so ziemlich alles, was ich ihm vorsetzte, warf alle fünf
Minuten den Wassernapf um und machte eine Sauerei, an der selbst ich mir noch
eine Scheibe hätte abschneiden können. Ich quartierte ihn ins Badezimmer um,
weil da ein Ablauf in der Mitte war und ich den Zulaufschlauch der
Waschmaschine zum Abspritzen des Käfigs nehmen konnte.
Dieses Badezimmer war mit seinen zwanzig Quadratmetern das luxuriöseste, das
ich je in meinem Leben hatte - und es war groß genug, Eduards Flugfähigkeit zu
überprüfen. Er konnte fliegen - mehr schlecht als recht allerdings. Ich konnte
aber nicht sagen, ob die Flugstrecke einfach noch zu kurz war oder ob er
irgendwie lahmte. Er flatterte aufgeregt hierhin und dorthin - und er
flatterte einfach nicht in den Käfig zurück. Fangen ließ er sich aber auch
nicht mehr. Viele Möglichkeiten zur Landung hatte er nicht: Zwei
Fensterbretter, einen Spiegelschrank, die Armaturen und und die
Vorhangschiene. Aber das war mehr als ausreichend, um sich meinem Zugriff
immer wieder zu entziehen.
Kein Zustand auf die Dauer, das war klar. Ich gab ihm noch drei Tage, um sich
zu erholen. Ich gab ihm Futter, ich gab ihm Wasser, und ich spülte mit dem
Schlauch die Kacke auf dem Spiegel oder vom Badewannenrand weg. Und Eduard sah
richtig gesund aus. Am dritten Tag machte ich dann am frühen Nachmittag das
Fenster ganz weit auf. Eduard flog davon, und zwar in Richtung Innenstadt. Da
gehören Tauben ja auch schließlich hin. Ich machte noch einmal sauber und
brachte den Käfig wieder in den Keller. Das war also die Geschichte von Eduard
und seinem Aufenthalt bei mir.
Halt! - Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Man könnte jetzt meinen, dass
ich Eduard nie wiedergesehen habe, aber es kam anders. Ich hatte nämlich noch
ein Buch abzuholen, das ich in einem Buchladen in der Königsstraße bestellt
hatte. Kurz nach Eduard machte ich mich also auf den Weg, genau in die gleiche
Richtung. Da ich aber nicht fliegen kann, auch wenn ich noch so gut gefüttert
werde, nahm ich die Straßenbahn und stieg am Königsplatz aus. Das Buch war
schnell geholt, und nachdem ich noch einen Kaffe getrunken hatte, wollte ich
wieder nach Hause fahren.
Es fing ein bisschen zu nieseln an, und die Straßenbahn war noch nicht in
Sicht. Wer sich in Kassel nicht so auskennt, weiß auch nicht, dass der
Königsplatz von der Bevölkerung 'Pizza ohne Belag' genannt wird: Nach einem
Architektenwettbewerb wurde er einfach 'plattgemacht': Ein riesengroßer runder
Platz, asphaltiert, mit nichts drauf außer der Treppe - ein umstrittenes
Kunstwerk, das wie eine halbe Fußgängerüberführung etwas unmotiviert in der
Gegend herumsteht. Tja, wo stellt man sich auf dem Königsplatz unter, wenn es
regnet? Genau, unter der Treppe.
Da die Treppe aber nur in etwa einem Drittel der vom Künstler vorgesehenen
Größe gebaut worden war, kann es da schon mal eng werden, insbesondere am
Spätnachmittag. Ich quetschte mich ganz am Rand noch dazu und drehte mir eine
Zigarette: Die Tabakdose zwischen dem kleinen und dem Ringfinger der linken
Hand haltend, um die Daumen, Zeige- und Mittelfinger beider Hände zum Drehen
frei zu haben, und das Buch vorübergehend zwischen die Beine geklemmt. Gerade
hatte ich den Filter eingelegt...
Platsch! Im ersten Augenblick hatte ich gar nicht begriffen, was mir da
beinahe die Tabakdose aus der Hand geschlagen hatte. Ich starrte auf diese
weißgraue Masse, die sich über meinen Tabak ausgebreitet hatte - und auch über
meine Hände. Doch dann merkte ich schnell, dass diese Masse im Gegensatz zum
Nieselregen richtig warm war! Mein Blick ging automatisch nach oben: Eduard!
Ich erkannte ihn sofort wieder - auch unter zehntausend ähnlicher Tauben, die
den Königsplatz besiedeln. Er saß auf einer Verstrebung an der Außenseite der
Treppe, kniff gerade den Arsch wieder zu und sah ungemein gesund aus.
Mann, war das eklig! Und ich war völlig hilflos. Ich konnte beide Hände nicht
benutzen, und laufen konnte ich schon gar nicht, weil schon beim ersten
Schritt das Hundertmarkbuch über Intrusion Detection bei Linux-Servern in
eine Pfütze gefallen wäre. Zwei Strassenbahnen kamen, und ich war plötzlich
alleine. War auch echt besser so, denn den mitleidigen Blicken hätte ich nicht
eine Sekunde länger standhalten können.
Ich tat, was ich konnte: Ich hopste wie der Osterhase aus der
Batterienwerbung. Hoppel, hoppel, bis zum Kiosk, der unten in die Treppe
eingebaut war. Der Kiosk hatte allerdings gerade zugemacht - in Kassel gelten
eigene Gesetze: Wenn um 18 Uhr zugemacht wird, bedeutet das, dass ab 17:30
nichts mehr zu machen ist. Ich heulte und nölte so lange herum, bis die
Verkäuferin das Geldzählen unterbrach und die Scheibe noch einmal hochklappte.
Die Verhandlungen wurden zäh und schwierig: Ich wollte eine Bildzeitung
(Tempo-Taschentücher gab's nicht), war aber zur sofortigen Barzahlung nicht in
der Lage. "Dauert doch nur eine Minute, bis ich mir die Pfoten abgewischt
habe, dann kann ich in die Hosentasche greifen und die Zeitung bezahlen..."
Zu Warentermingeschäften war man nicht bereit. Basta. Die Geschichte spielt
schließlich in Kassel. Inzwischen waren wieder ein paar Passanten
hinzugekommen, die auf die nächste Bahn warteten. Ein älterer Herr bot mir
seine HNA an - die hatte er sowieso fast durch. Endlich! Ich wischte und
putzte, und weil ich meinen Müll nicht einfach in die Gegend werfe, hoppelte
ich noch zum nächsten Papierkorb. Da es aber der einzige Papierkorb auf dem
ganzen Königsplatz war, musste ich meinen Müll daneben werfen - wegen
Überfüllung. Und irgendwann dann konnte ich das Buch endlich wieder zwischen
den Beinen herausnehmen - das fing schon an weh zu tun! Anderthalb Kilo
geballte Computerweisheit zwischen den Beinen sind ungemein anstregend.
Ich genoß den Nieselregen, er hatte plötzlich etwas sehr wohltuendes. Dann zog
ich mir ein Päckchen fertige Zigaretten aus dem Automat, ließ mir Feuer geben
(mein Feuerzeug lag in der in Zeitung eingewickelten Tabakdose), klemmte mir
das Buch, des ich wegen des Regens ebenfalls in Zeitung eingeschlagen hatte,
unter den Arm und ging zu Fuß nach Hause. Da ging ich erstmal ins Bad und
machte das, was ich die letzten Tage auch getan hatte: Ich spülte Eduards
Scheiße ab. Dabei kam mir dauernd ein Lied von Georg Kreisler in den Sinn:
Schau die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau
geh 'mer Tauben vergiften im Park...
Ich bin ja nun wirklich kein Fußball-Fan, nein. Ich schaue mir im Fernsehen
vielleicht mal ein Tennisspiel an, und wenn ich kann, auch die Tour de France.
Der Fußball selbst ist auch gar nicht verantwortlich für meine Abneigung, es
sind, wenn ich es mal so sagen darf, eher die Fans. Denen gehe ich auf der
Straße oder im Zug lieber aus dem Wege. Nicht mein Ding, diese lautstarken
kollektiven An-und Absichtserklärungen. Ich bin eher vom Individuellen
fasziniert.
Aber das war nicht immer so, das mit dem Fußball. Ich war sogar eine Zeitlang
mit ganzem Herzen dabei - vier Wochen lang etwa. Mir fallen sogar noch die
Namen ein: Uwe Seeler war z. B. dabei und sein Vereinskollege Schulz, Overath,
Schnellinger und natürlich Beckenbauer. Weltmeisterschaft war angesagt, und
demjenigen, der sich mit dieser Materie auskennt, wird nun klar sein, dass es
sich um die Weltmeisterschaft von 1966 handelt, bei der das aus deutscher Sicht
bisher berühmteste Tor in der gesamten Geschichte des Fußballs fiel - für
England allerdings, und das auch noch im Endspiel.
Dreizehn war ich damals, und da der Fußball in Italien erfunden wurde, passt es
gut, dass ich diese Spiele an einem Fernseher in Italien verfolgte. Mehr oder
weniger der einzige Fernseher überhaupt in dem kleinen Dorf Seccheto an der
Südküste der Insel Elba, dem Lebensmittelhändler des Ortes gehörend und eigens
für die Weltmeisterschaft in einem Hinterzimmer des Alimentari-Ladens
aufgestellt. Ein paar Leute aus dem Dorf versammelten sich dort zum
Fernseh-Abend, aber auch eine Handvoll Touristen wurde eingeladen, zu denen ich
ja auch gehörte.
Tourismus war für mich eine völlig neue Erfahrung. Bis zu diesem Jahr hatte ich
nur Erfahrungen im Bereich des Erziehungstourismus sammeln können:
Unterbringung bei Pflegeeltern, der Großmutter, zeitweilig auch im Waisenhaus,
hauptsächlich bedingt durch die Krankheit meiner Mutter. Aber 1966 wurde dann
alles anders. Meine Mutter war nicht mehr ständig im Krankenhaus, und meine
Eltern konnten sich sogar ein Auto leisten. Eines Tages stand er vor der Tür,
der himmelblaue Käfer. In den Sommerferien ging's dann los, Richtung Italien,
einer Einladung eines Freundes meines Vaters folgend, in dessen Ferienhaus in
Seccheto wir wohnen konnten. Drei Tage im Schneckentempo über die Autobahn,
zwei Kinder, zwei Erwachsene, ein Rollstuhl, ein Haufen Gepäck auf dem Dach.
Mein Vater ständig gereizt und immer kurz vor einer Explosion stehend, meine
Mutter bei jedem aus einer Auffahrt kommenden Auto wie eine Viper zischend,
meine Schwester und ich immer darauf bedacht, uns gegenseitig eins
auszuwischen.
Am späten Abend des dritten Tages kamen wir an, todmüde, und bezogen das für
unsere Verhältnisse äußerst komfortable Ferienhaus. Eigentlich eher eine Villa,
der Freund meines Vaters war immerhin Brauereibesitzer und konnte sich etwas
Ordentliches leisten. Etwa fünfzig Meter Treppe von der Straße hinauf zum Haus,
rechts und links der Treppe wundervolle Büsche und dazwischen mannshohe
Granitbrocken verstreut. Mehr war erst einmal nicht zu erkennen, es war
schließlich schon stockdunkel.
Die ersten Eindrücke am nächstem Morgen waren wirklich imposant für einen
Dreizehnjährigen, der das Meer bisher nur aus Seefahrergeschichten kannte, wenn
man von zwei 'Erholungen' an der Nordsee absieht. Ich habe keine Ahnung, ob es
solche 'Kinder-Landverschickungen' heute noch gibt, aber damals war es wohl
recht verbreitet, dass Kinder in meist kirchlich geführten Landheimen ihren
Urlaub verbrachten. Eine weinberankte Pergola mit Meeresblick war mir
jedenfalls völlig neu - bis dahin kannte ich eigentlich nur eine kleine
Dreizimmerwohnung in einer Siedlung für Postbeamte und deren Familien.
Die gewohnte Enge war plötzlich einer ungeahnten Weite gewichen. Ein riesiger
Garten erstreckte sich um das Haus, voller Felsen, Büsche, Pinien und Opuntien,
der sich von der nur ein paar Meter oberhalb des Meeres verlaufenden Straße bis
weit oberhalb des Hauses erstreckte. Überall huschten Eidechsen umher, an den
Hauswänden sonnten sich grüne Geckos, und im Garten tauchten abends immer mal
wieder suppentellergroße Kröten auf. Nach Norden hin ging der Garten dann in
den mit undurchdringlicher Macchia bewachsenen und von genauso schön wie meiner
Mutter zischenden Vipern bewohnten Südhang des Monte Capanne über. Dieser
höchste Berg der Insel mit seinen direkt aus dem Meer aufsteigenden tausend
Metern Höhe beeindruckte mich schon sehr, aber noch viel gewaltiger war die
Sicht über das Meer, in Küstennähe leuchtend türkis, in der Ferne dann in ein
tiefes Blau übergehend.
Etwas südwestlich lag eine flache Insel, auf der ein paar große Gebäude und ein
Turm erkennbar waren, und genau im Süden, noch viel weiter weg, eine weitere
Insel, ein aus dem Meer aufsteigender Kegel, aber Details waren kaum erkennbar.
Ich hatte bald einiges herausgefunden über diese Inseln: Die Nähere im
Südwesten heißt Pianosa, und bei den Baulichkeiten handelt es sich ein
Gefängnis, und sie liegt etwa 10 km von der Küste Elbas entfernt. Bei der
anderen handelt es sich um die Insel Montecristo, und diese Insel zog mich
sofort in ihren Bann. Natürlich hatte ich mit Begeisterung den Grafen von Monte
Christo gelesen, was sicherlich ganz erheblich zu dieser Faszination beitrug.
Aber andererseits drängte sie sich mir auch irgendwie auf. An klaren Tagen war
sie kaum zu übersehen, an trüben Tagen war sie einfach verschwunden, und
während des vierwöchigen Urlaubs wurde der allmorgendliche prüfende Blick nach
Süden zum Ritual.
Vierzig Kilometer Entfernung machten das zum Fern-Sehen im wahrsten Sinne des
Wortes. Manchmal saß ich stundenlang auf einer Klippe am Meer und starrte die
Insel an. Ich will nicht behaupten, dass ich an trüben Tagen wirklich traurig
war, dazu war alles viel zu schön und interessant, und das Baden im Meer war
bei Regen und Sturm noch aufregender als bei Sonnenschein. Die trüben Tage
waren sowieso selten, und oft klärte sich das Wetter auch noch am Mittag auf.
Das war dann so, als käme ein Freund zu spät zu einer Verabredung. Das Wetter
ist ja immerhin eine gute Entschuldigung in solchen Fällen.
Abends gab es dann die Fußballspiele im Fernsehen, die ich bereits erwähnt
habe. Manchmal war ich hin- und hergerissen zwischen Fern-Sehen und Fernsehen,
nämlich wenn ein schöner Sonnenuntergang zu erwarten war, der die Insel in ein
übernatürlich schönes Rot tauchen könnte. Ein Halbfinalspiel fiel diesen
Umständen zum Opfer, denn schließlich war das Farbfernsehen noch nicht mal
erfunden. Dann kam der Tag, an dem die deutsche Nationalelf dieses Tor
kassierte, und bald darauf der, an dem ich die Heimfahrt einstecken musste.
Zu Hause musste ich mich mit einer an die Wand gehefteten Postkartenansicht von
Montecristo begnügen. Ich las den Grafen noch einmal, aber mehr über die Insel
stand beim zweiten und dritten Mal auch nicht drin. In der Leihbücherei fand
ich ein paar Bücher, in denen spärliche Informationen enthalten waren. Ich
wusste nun, daß die Insel völlig unbewohnt war, wenn man von ein paar Hundert
wilden Ziegen absieht, dass dort tatsächlich die Ruine eines Klosters aus dem
5. Jahrhundert zu finden ist, dass es außerdem noch die Ruine einer alten Villa
aus dem 19. Jahrhundert gibt, und vor allem, dass das Betreten der Insel strikt
verboten war. Unabhängig davon verfolgte ich natürlich auch das, was sonst noch
so auf der Welt passierte, z.B. dass mehrfach der Rekord beim Durschwimmen des
Ärmelkanals unterboten wurde. In meinem jugendlich wirren Kopf reifte ein Plan
heran.
1967 wurde wieder der himmelblaue Käfer vollgepropft, und als ob mir die Insel
Montecristo wegen der elfmonatigen Abwesenheit böse wäre, ließ sie sich die
ersten beiden Tage nicht blicken. Am Mittag des dritten Tages kam sie dann
endlich heraus, und die Faszination war stärker als je zuvor. Mein Interesse am
Fußball war inzwischen wie weggeblasen, dafür war mein Interesse an Mädchen
erwacht, immerhin war ich ja nun schon vierzehn. Zielstrebig lernte ich also
gleich nach dem Auspacken der Koffer im noblen Nachbarort Cavoli ein Mädchen
namens Madeleine kennen, die aus Baltimore kam und in Klosters in der Schweiz
ein Internat für höhere Töchter besuchte. Sie verbrachte mit Ihren Eltern die
Sommerferien auf Elba - na ja, eigentlich haben wir beide dann den Urlaub
miteinander verbracht.
Genauso zielstrebig lernte ich ein paar Jungs aus dem Dorf kennen, die mir bei
der Umsetzung meines Planes helfen konnten. Der Plan selbst war schlicht: Ich
wollte nach Montecristo schwimmen. Die Jungs fanden dann auch bald einen
Fischer, der sich bereit erklärte, mit seinem Kutter mitzufahren. Der Plan war
zwar irgendwie irre, aber mir war schon klar, dass ich da nicht ganz allein
losschwimmen konnte oder wollte. Ich erörterte den Plan meinen Eltern, und die
sagten nur: Ja, mach nur ...
Einen Haken hatte das Ganze aber noch: Der Fischer wollte Geld für den Sprit
usw.. Nicht viel, er machte mir wirklich einen Freundschaftspreis, aber
trotzdem etwas mehr, als mir zur Verfügung stand. Ich hatte damit gerechnet und
schon in den Osterferien zwei Wochen Gartenarbeiten bei den Eltern eines
Freundes gemacht. Im Prinzip hätte das gereicht, aber das Kennenlernen von
Madeleine hatte dann doch wieder ein Loch in meine Kasse gerissen -
unglaublich, was z. B. eine Flasche Cola, eisgekühlt, bei einer Bude am
teuersten Strand von Elba kostete. Das waren Tausende - Lire allerdings. Als
die Sache mit Madeleine dann etwas sicherer war, überließ ich das Bezahlen doch
lieber ihren Eltern.
Es galt nun, dieses Loch zu stopfen. Für ein paar Tage verabschiedete ich mich
von Madeleine und dem Urlaub und verbrachte meine Zeit in einem Steinbruch am
Hang des Monte Capanne. Meine ehrenvolle Aufgabe war es, mit Hammer und Meißel
zentnerschwere Granitklötze zu besäumen, die für die Renovierung des Mailänder
Bahnhofes vorgesehen waren. Ich will ehrlich sein: Eine besonders gute Figur
habe ich da nicht gemacht, insbesondere die Handgelenke gerieten mir völlig aus
der Fassung. Am Abend des zweiten Tages waren sie dicker als die Oberarme, und
irgendwann am Mittag des dritten Tages habe ich dann meinen Abschied als
deutscher Gastarbeiter in Italien eingereicht, weil die Schmerzen einfach nicht
mehr auszuhalten waren.
Trotzdem kam es nun mit dem Geld irgendwie hin, nachdem der Fischer großzügig
auf ein paar Lire verzichtete. Sein Mitleid war riesig, als er meine zu Ballons
aufgeblähten Handgelenke sah. Ich kurierte mich noch drei oder vier Tage aus,
und dann wurde der Termin gesetzt. Allerdings stand vorher noch ein Test an:
Ich schwamm, und zwar hin und her zwischen dem etwas schlichteren Sechetto und
dem vornehmen Nachbarort Cavoli, wo Madeleine residierte. Sie versorgte mich
etwa stündlich am Strand von Cavoli mit einer eisgekühlten Cola, auf Kosten
ihrer Eltern, wohlgemerkt. Ab und zu gab's dann auch mal ein Sandwich. Vom
frühen Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit hin und her - ein voller Erfolg!
Ich hatte knapp zwanzig Kilometer geschafft, und das sogar, ohne irgendwie
besonders müde zu sein. Keine Krise, kleine schlappe Phase, ich war völlig
zuversichtlich, dass ich drei oder vier Tage später der Insel einen Besuch
abstatten könnte.
Am nächsten Morgen kam das Aus, gemein und unfair wie das Tor im Endspiel in
Wembley - ein kategorisches Njet meiner Eltern. Die hatten das Ganze überhaupt
nicht ernst genommen und distanzierten sich jetzt von ihrem dahingesagten Jaja.
Kein Geheule und Gequengel nutzte irgend etwas - es blieb dabei. Wieder war
Fern-Sehen angesagt. Ich saß drei Tage lang auf einer Klippe und bockte vor
mich hin, und selbst Madeleine konnte mich nicht wirklich trösten. Zu allem
Überfluss musste sie dann auch noch zurück nach Klosters, so dass ich die
letzten Urlaubstage ohne sie verbingen musste. Und dann kamen zu meinen
persönlichen auch noch die wirklichen trüben Tage: Montecristo verschwand
einfach vom Horizont und ließ sich bis zum Ende des Urlaubs nicht mehr blicken.
1968 war ich wieder da. Meinen Plan habe ich trotzdem nicht mehr verwirklicht,
obwohl diesmal wahrscheinlich meine Eltern machtlos gewesen wären - ein halbes
Jahr danach war ich sowieso weg von zu Hause. Die Faszination des Fern-Sehens
war zwar immer noch da, aber wahrscheinlich hatten sich wieder mal die
Prioritäten verschoben. Von Madeleine habe ich nie wieder etwas gehört, ein
paar Briefe wurden von der Internatsleitung kommentarlos zurückgeschickt. Aber
diesmal hatte ich meine Freundin Karin gleich aus Deutschland mitgebracht. Ich
verbrachte den Urlaub mit ihr, und meine Eltern verbrachten den Urlaub mit
Karins Eltern, die auch mitgefahren waren und, um das mal ganz nebenbei zu
bemerken, schon einen Farbfernseher besaßen. Jedenfalls war für meinen Plan
einfach kein Platz mehr dazwischen, es blieb endgültig beim Fern-Sehen, auch
als ich Mitte der Siebziger noch einmal da war. Da habe ich bei Nacht und Nebel
mit meinem dreijährigen Sohn versehentlich den tausend Meter hohen Monte
Capanne bestiegen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ...
Auch über dreißig Jahre später zieht mich Montecristo noch immer magisch an.
Pläne aus den Achtzigern, die Insel touristisch zu erschließen, haben sich zum
Glück wieder zerschlagen. Sie steht nach wie vor strengstens unter Naturschutz,
allerdings sind zu den vierhundert Ziegen zwei neue Bewohner gekommen: Seit
einigen Jahren wird die Insel von zwei Wachmännern geschützt, und
Aufenthaltsgenehmigungen bekommen in der Regel nur Schiffbrüchige und
Wissenschaftler. Mit dem Schwimmen ist es bei mir inzwischen nicht mehr so
dolle: Prinzipiell zwar unsinkbar, aber mittlerweile bin ich schon froh, wenn
ich es einmal über den Baggersee schaffe. Vielleicht kaufe ich mir ja nächstes
Jahr ein Gummiboot mit Außenborder und versenke es dann mit meinem
Taschenmesser eine Baggerseebreite von der Küste Montecristos entfernt. Dann
habe ich automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung, bis mich jemand abholt. Oder
bis die mich wegschaffen, in eine Zelle auf Pianosa vielleicht. Aber Pianosa
hat mich nie so richtig interessiert ...
Ab und zu, nach einem Abendessen mit Freunden, auf irgendeiner Geburtstagsfete,
wenn dann schon ein paar Gläser Landwein geflossen, die Gäste weniger geworden
sind und die anfängliche Hektik der Ruhe und Gemütlichkeit den wohlverdienten
Platz überläßt, dann passiert es doch immer mal wieder, daß die unvermeidliche
Frage gestellt wird: "Axel, könntest du nicht mal wieder ... ?" Aber klar,
mache ich doch gerne! Was bitte? Ach so ... Ich soll mal wieder die Geschichte
von meiner Ägyptenreise erzählen! Es ist ja auch eine nette Geschichte, eine
Geschichte eben, wie sie nur das Leben schreiben kann.
Ich war damals gerade mal Anfang Zwanzig und hatte einen recht lukrativen
Arbeitsvertrag abgeschlossen: Ich sollte gegen ein nettes Honorar einen
MAN-Muldenkipper (40 t) nach Kairo bringen. Kam mir grade recht, ich war
pleite, und es war ein Grund, meinen brandneuen LKW-Führerschein zu benutzen.
Aber dann gab's ein Problem: Die Ägypter hatten schon im Voraus bezahlt, aber
es war keine Einfuhrgenehmigung für den LKW zu kriegen. Den bereits gezahlten
Vorschuß könne ich behalten ... Na ja, wenigstens etwas!
Ein paar Tage später am Telefon: Man könne das Geld nicht nach Ägypten
zurücküberweisen - Devisensperre! Ob ich nicht eventuell ...? Eine Karriere als
Devisenschmuggler? No risk, no fun. Absprachen, Flugbuchung ... Abflug am
Silvestermorgen, Honorar: noch einen Tausender sowie drei Tage Kurzurlaub. Und
kein Risiko, versprochen! Beim Abflug in Frankfurt drückte man mir einen großen
Umschlag in die Jackentasche, es muß ausgesehen haben, als hätte ich ein
vierpfündiges Heidekrustenbrot drin. Und dann der Flug! Ich war überhaupt noch
nie geflogen, und ruckzuck wurde mir klar: Ich leide an panischer Flugangst!
Die drei Stunden Flug waren die Hölle. Sowieso schon im eigenen Saft schmorend
wegen des 100000$ - Vierpfünders ... und dann diese 707 von Egypt Air! Es war
wohl recht stürmisch, jedenfalls sackte sie alle paar Minuten in ein Luftloch
ab, und jedes mal knallten die Klappen über den Sitzen auf, hinter denen
normalerweise die Schwimmwesten und Kotzbeutel verstaut sein sollten. Ja, so
eine Tüte hätte ich gebrauchen können! Nach jedem Luftloch kam eine Stewardess
und machte schön die Klappen alle wieder zu, bis sie beim nächsten Mal wieder
mit Getöse aufsprangen.
Über dem Mittelmeer wurde es dann ruhiger, sonnig sogar. Ich hab mich auch
getraut, mal einen Blick aus dem Fenster zu werfen! Und dann kam schon die
Landung (Augen zu, Finger in die Ohren und Jacke über den Kopf). Sie haben Wort
gehalten, die Ägypter: Ich war schon aus dem Flugzeug raus, bevor es richtig
gelandet war. Direkt in ein Auto, das schon an der Landebahn wartete. Keine
Kontrollen, kein Zoll ... Sofort das kuvertierte Vierpfünder losgeworden. Und
jetzt: Urlaub in Ägypten!!!
Bei der Fahrt durch Kairo war sofort die Flugangst wieder da - anders kann ich
das jetzt beim besten Willen nicht formulieren! Offensichtlich gab es in Kairo
zwar Ampeln und Verkehrsschilder, ab die nützen ja nur was, wenn man auch
Gesetze und eine Exekutive dazu hat. Hätte mir fast wieder die Jacke über den
Kopf gezogen, aber die Neugier hat dann doch gesiegt. Bald lag Kairo hinter
uns, und wir kamen bei den Pyramiden von Gizeh an. 'Mena House', ein berühmtes
Hotel (hab es später mal in so einer Fernsehserie über die schönsten Hotels
dieser Welt wiedergesehen).
Foto: Werbefoto des Mena House
Ein Zimmer wie der Bahnhof von Mailand, überall katzbuckelnde Lakaien, wuselnde
Kolonnen von Zimmermädchen, und eine Stimmung beim Essen wie beim Heiligen
Abendmahl. Und auf jeder Etage drei Friseursalons. Der Chef meines
Empfangskommitees drückte mir dann auch noch einen Schukarton in die Hand:
Geldscheine, 10 Piaster jeweils, der ganze Karton voll. Ich sei doch ihr Gast,
und das sei für die Trinkgelder! Und man werde sich um meine Unterhaltung
kümmern!
Ich hab's ja versucht mit Bestechung: eine Handvoll Scheinchen hier, eine
Handvoll da ... aber dadurch wurde ich die Lakaien auch nicht los. Ich hatte
sogar den Eindruck, daß sie sich vermehrten wie die Kaninchen! Es musste also
Plan B herhalten: Ich hatte entdeckt, daß es statt der plüschgepolsterten
Großfürsten-Suiten auch ein paar Bungalows am Swimmingpool gab. Nach einer
Stunde schon ein hotelinterner Umzug. Dann war mehr oder weniger Ruhe. Dachte
ich jedenfalls!
Ich hatte grad ein Bad im Pool genommen und mich umgezogen, da kam Mustafa,
Sohn des LKW-Nichtbesitzers und von seinem Vater zu meiner Unterhaltung
abkommandiert. Ich hatte eher daran gedacht, mir ein Kamel zu mieten (oder ein
Taxi) und einen Blick auf die Pyramiden zu werfen. Aber es wurde kein Kamel,
kein Taxi ... es wurde ein Rennpferd, ein richtiger nervöser Araberhengst, weil
Mustafa irgendwie so ein ägyptischer Meister im Reiten war. Ich bin ja bloß
Meister im Nichtreiten ... will sagen, daß das nicht nur meine erste Flugreise
war, sondern auch das erste Mal, daß ich mich auf ein Pferd setzte.
Mustafa war nach zehn Minuten außer Sichtweite, und mir wurde klar, daß die
Sahara gleich hinter Gizeh anfängt. Es war jetzt nachmittags um drei, und ich
hätte nie gedacht, daß es in der Sahara mitten im Winter so warm werden kann!
Morgens Karriere als Devisenschmuggler, nachmittags als Fährtenleser... Ich
will hier niemandem etwas vormachen: Der Hengst kannte den Weg wohl ganz genau,
ich mußte nur aufpassen, daß ich nicht runterfiel. Zwei Stunden im Galopp durch
die Wüste. Ich saß eigentlich gar nicht auf dem Pferd, ich schwebte eher dicht
darüber, und zweimal pro Sekunde bekam ich einen Schlag von unten auf's Gesäß,
der mich in der Luft hielt.
Fotos: Werbefotos des Mena House
Es kam zu Verfärbungen und Schwellungen. Schon wieder beschlich mich ein Gefühl
von Vierpfündern, diesmal gleich zwei Stück, die da schmerzhaft zwischen mir
und dem Pferd im Wege hingen. Mir fiel wieder ein, wie mir meine Oma mal den
Arsch versohlte, weil ich die Pfirsiche im Garten unbedingt mit einer Armbrust
pflücken wollte, die ich auf dem Dachboden gefunden hatte, und dabei ein
Dutzend Eternitschindeln am Nachbarhaus demolierte.
Gegen fünf kam eine Oase in Sicht. Drei Palmen, zwei Bierzeltgarnituren, ein
Sonnenschirm und ein Kühlschrank voll Bier, jedoch ohne jeden Stromanschluß.
Mustafa saß schon lange da und meinte, wir müßten uns gleich auf den Rückweg
machen. Ich ließ mich aber nicht erweichen und bestand auf einer Pause. Zwei
Flaschen Bier von ungefähr 50 Grad Celsius ließen allen Schmerz an der
Rückseite sofort vergessen, und alles andere auch. Ich kann mich kaum noch
daran erinnern, wie ich den Rückweg überstanden habe.
Nach vierzig Kilometern Galopp erstmal wieder ein Bad im Pool. Das Denkvermögen
kam langsam wieder ... und dann stand Mathilda am Pool und wollte mich abholen.
Mathilda war schon eine Klasse für sich, eine Frau wie aus tausendundeiner
Nacht! Allein wegen des Anblicks hatte sich schon die ganze Reise gelohnt! Ich
war sofort ihr williger Sklave. Silvesterball? Krawattenzwang? Klar doch,
Mathilda, für dich tue ich alles! Läden mit Krawatten gab es doch auf jeder
Hoteletage zwei oder drei!
Mathilda trug ein schneeweißes Ballkleid, sie sah einfach hinreißend aus. Ich
kaufte nicht nur einen Schlips, sondern auch noch ein Jackett (der
Trinkgeldkarton war trotzdem noch mehr als halb voll). Und sie war nicht zu
Pferd gekommen, sondern - ich bin versucht zu sagen: ganz normal - in einer
dicken Limousine mit Chauffeur und zwei Leibwächtern. Zurück nach Kairo!
Mathilda winkte huldvoll ein paar Passanten zu, ich winkte huldvoll Mathilda
zu.
Sie war übrigens die Schwester von Mustafa, und nachdem ich dann auch ein paar
Sätze mit ihr geredet hatte, ließ mein Dahinschmelzen doch deutlich wieder
nach. Ich will ihr jetzt ja nichts nachsagen ... aber ich freute mich irgendwie
auf eine nette, intelligente Konversation mit irgend jemand auf dem
Silvesterball. Die hatte ich dann auch ... aber dazu später!
In Kairo ging's in ein riesiges, etwas heruntergekommenes Mietshaus, ein alte
Villa. Ein Treppenhaus wie in Sanssoucci, aber seit Monaten nicht mehr gekehrt.
Ein Eingang im dritten Stock, und dahinter völlig überraschend ein
Etagenschlößchen mit fünfzehn Zimmern, vergoldeter Stuck an der Decke,
Perserteppiche, Kronleuchter und Antikmöbel. Ein Auftritt mit Mathilda am Arm
wie zu einer Krönung bei Windsors. Und ein riesiges kaltes Büffet ... ich fand,
daß andere Männer auch ein Recht auf Mathilda hatten und überließ sie großzügig
der winselnden Meute.
Das Büffet war wirklich Spitze, ich konnte mich kaum wieder losreißen. Aber es
war noch Pflicht angesagt: Tanzen mit Mathilda. Ich will jetzt nicht behaupten,
daß ich auch noch nie getanzt habe! Nein, ich hab sogar in meiner Jugend eine
Tanzschule besucht, ein Anfängerkurs und dann sogar noch einen für
fortgeschrittene Anfänger. Die Stimme der Tanzlehrerin war plötzlich wieder da,
als sei es erst gestern gewesen: "Einsundzweiund", "Undvooooorunddreeeeehen"
und "wohängtdenndiehandschonwieder!". Ja, ich hab's sogar geschafft, Mathilda
nicht einmal auf den Fuß zu treten, und sie? Sie hat nicht die Spur von
Dankbarkeit gezeigt.
Keine Ahnung mehr, wie ich diese Schmerzen aushalten konnte beim Tanzen. Mit
meinem von vierzig Kilometern Galopp gezeichneten Hintern hätte ich sofort eine
Führungsposition in einem Pavianrudel im Frankfurter Zoo erobert. Aber ich habe
es überstanden, irgendwie. Gegen elf war dann Schluß mit Tanzen, ich hab mich
wieder ans Büffet zurückgezogen. Da traf ich auf einen Schwarzen, ein netter
Typ, ohne Krawatte und Maschinenbaustudent. Irgendwann das obligatorische "Wo
kommst du denn her?", und seine Antwort kam (nachdem wir die ganze Zeit
englisch gesprochen hatten) plötzlich auf Deutsch, oder vielmehr in lupenreinem
Nordhessisch: "Uss Vellmar, bi Kassel!". Tja, die Welt ist klein, wohnt der
Kerl einen Steinwurf von mir entfernt, und ich lerne ihn in Kairo kennen...
In Ägypten gibt's an Sivester zum Jahreswechsel Linsensuppe, das ist da einfach
so Tradition. Ich hab mir also auch ein oder zwei Tellerchen zur Brust
genommen, war ja eigentlich schon ziemlich satt, aber es war immerhin ein Gebot
der Höflichkeit. Danach dann doch noch ein Tango mit Mathilda, und ein paar
andere Tänzchen mit anderen Frauen (die waren aber nicht mal halb so schön,
alle zusammen). Noch ein Gläschen Champagner hier, ein Hummerschwänzchen da ...
und dann war's vorbei! Aufbruchstimmung, die Bodyguards standen schon mit
Mathildas Nerz bereit.
Die Limousine stand etwa zweihundert Meter entfernt, wir gingen los, Mathilda
und ich, der Chauffeur, die beiden Leibwächter. Ich hörte Stimmen über uns,
deutsch!, aus einem offenen Fenster: "Welcher blöde Sack hat denn die Suppe
anbrennen lassen?" - "Scheiße, die ist ja total verkohlt!" Ein tätowierter
Fremdenlegionär tauchte am Fenster auf, einen riesigen dampfenden Kochtopf in
den Händen. Ehrlich, ich wollte noch "Volle Deckung!" rufen, aber mir fiel
einfach nicht ein, wie das auf englisch heißt. Manchmal bin ich auch einfach
nicht der schnellste...
Die angebrannte Linsensuppe hat Mathilda voll erwischt. Auf dem Nerz fiel es im
Dunkel gar nicht so auf, aber das schneeweiße Ballkleid... Sie hatte den Mantel
nicht zugemacht, na ja, ich will es gar nicht näher beschreiben. Und sauer war
sie, so was von stinkesauer! Sie sprang auf einem Bein herum wie
Rumpelstilzchen und brüllte dabei Obszönitäten nach oben, daß selbst die
Fremdenlegionäre scharlachrot anliefen. Einer kam dann mit einem Eimer Wasser,
er hat sich sogar entschuldigt, Mathilda wurde notdürftig gereinigt (ich hätte
ihr sofort meine Stimme zur Miss 'Wet Ballkleid' gegeben) und dann (leider) von
den Guards in eine Wolldecke gewickelt und in die Limousine verfrachtet.
Wir haben zuerst Mathilda zu Hause abgeliefert, der Chauffeur hat mich dann
wieder nach Gizeh ins Hotel gebracht. Ich hatte noch zwei schöne Tage in
Ägypten, hab einen Abstecher nach Memphis gemacht, die Pyramiden und die Sphinx
besichtigt, Shishkebap an einer Bude gegessen, und der Wasserrohrbruch in
meinem Bungalow war auch nicht von schlechten Eltern. Rückflug am vierten Tag,
ein neues Jackett, ein paar Andenken, aber kein Vierpfünder mehr in der
Jackentasche. Den halben Schuhkarton mit Piasterscheinen hab ich an die Bettler
in Kairo verteilt. Bei der Landung in Frankfurt wäre ich beinahe gestorben vor
Angst, weil da ein leerer Plastikeimer an der Landebahn lag und - hochgewirbelt
- an mein Fenster knallte. Ich dachte wirklich, da klopft der Tod an. Der hätte
euch wohl diese Geschichte erspart...
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